{"id":2386,"date":"2018-10-21T15:46:28","date_gmt":"2018-10-21T13:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/dev.phoenix-foundation.org\/?p=2386"},"modified":"2019-05-27T19:51:00","modified_gmt":"2019-05-27T17:51:00","slug":"interview-mit-hilal-shabar-dem-neuen-lehrer-der-phoenix-zeltschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/2018\/10\/21\/interview-mit-hilal-shabar-dem-neuen-lehrer-der-phoenix-zeltschule\/","title":{"rendered":"Interview mit Hilal Shabar"},"content":{"rendered":"<p>Hilal Shabar ist der neue Lehrer in unserer Phoenix Zeltschule. Denn im M\u00e4rz 2018 hat unser engagierter und beliebter\u00a0Lehrer Bashar Oqla ein Visum f\u00fcr Kanada\u00a0bekommen. Doch er hat sich die Entscheidung, das\u00a0Phoenix-Camp zu verlassen, nicht leicht gemacht.\u00a0Mit vereinten Kr\u00e4ften haben wir ihn \u00fcberredet,\u00a0diese einmalige Chance f\u00fcr die Zukunft seiner\u00a0Kinder wahrzunehmen und haben ihn traurig aber\u00a0mit den besten W\u00fcnschen ziehen lassen. Nat\u00fcrlich\u00a0nicht bevor er mir nicht bei der Neubesetzung\u00a0seiner Stelle geholfen hat: <strong>Hilal Shabar<\/strong> ist der\u00a0neue Lehrer unserer Phoenixkinder und hat uns\u00a0alle sofort begeistert. In einem kleinen Interview\u00a0m\u00f6chten wir ihn vorstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hilal, erz\u00e4hl uns bitte ein bisschen \u00fcber dich.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin 31 Jahre alt und komme aus einem Vorort\u00a0von Damaskus, den es jetzt wohl nicht mehr gibt,\u00a0wenn man den Medienberichten glaubt, die seit\u00a0Monaten von Bombardierungen rund um Damaskus\u00a0berichten. Ich habe dort als Mathematik- und\u00a0Biologielehrer gearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Wann bist du geflohen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin 2012 mit meiner Familie \u00fcber die Grenze\u00a0in den Libanon. Wir haben in 6 verschiedenen\u00a0Camps gelebt. Ich habe versucht, Arbeit zu finden,\u00a0aber es war aussichtslos. In den Camps, in denen\u00a0es Kinderg\u00e4rten oder \u00e4hnliches von gro\u00dfen Organisationen\u00a0gibt, werden nur Libanesen angestellt.<br \/>\nIn anderen Camps gibt es gar nichts. F\u00fcr illegale\u00a0Arbeit hatten wir nicht den Mut, meine Kinder waren<br \/>\nnoch so klein, wenn sie mich erwischt und nach\u00a0Syrien ausgewiesen h\u00e4tten, w\u00e4re meine Frau mit<br \/>\nden Kleinen ganz auf sich gestellt gewesen.<\/p>\n<p><strong>Wovon habt Ihr gelebt?<\/strong><\/p>\n<p>Ein langj\u00e4hriger Freund im Libanon hat uns anfangs\u00a0geholfen, aber er ist selbst alles andere als reich.<br \/>\nSp\u00e4ter haben wir gebettelt oder manchmal Gem\u00fcse\u00a0von den Feldern gestohlen. Darauf bin ich nicht<br \/>\nstolz und ich finde es schrecklich, dass meine\u00a0Kinder ihren Vater stehlen sehen mussten. Das ist<br \/>\ndas dramatischste am Krieg: es ist unm\u00f6glich,\u00a0moralisch zu bleiben.\u00a0Was macht das aus unseren\u00a0Kindern?<\/p>\n<p><strong>Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung beim\u00a0Unterrichten in den Camps?<\/strong><\/p>\n<p>Hier zu unterrichten ist eine Freude. Als Herausforderung\u00a0generell sehe ich, dass der Gro\u00dfteil der<br \/>\nsyrischen Kinder gar keinen Zugang zu Bildung\u00a0hat, also wie sollen wir in einem befriedeten Syrien<br \/>\nwieder zu einem Alltag finden, wenn der gr\u00f6\u00dfte\u00a0Teil der neuen Generation weder lesen noch\u00a0schreiben kann? Wie werden Wahlen durchgef\u00fchrt\u00a0werden, wie soll diese Generation Zugang zu\u00a0seri\u00f6sen politischen Informationen bekommen,\u00a0wenn sie keine Zeitung lesen kann? Und warum\u00a0macht das den westlichen Politikern offensichtlich\u00a0nicht so viel Angst wie mir?<\/p>\n<p><strong>Was vermisst du am meisten von zuhause?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war nie ein besonders religi\u00f6ser Mensch, aber\u00a0schon als Kind war ich \u00fcberw\u00e4ltigt von der Sch\u00f6nheit<br \/>\nder Umayyaden Moschee, in die mein Vater\u00a0mich immer mitgenommen hat. Manchmal, wenn\u00a0ich nachts wachliege, frage ich mich, ob ich sie je\u00a0wiedersehen werde.<\/p>\n<p><strong>Was ist das wichtigste, was du den\u00a0Phoenix-Kindern beibringen m\u00f6chtest?<\/strong><\/p>\n<p>Ich unterrichte hier Kinder, die trotz der katastrophalen\u00a0Umst\u00e4nde, unter denen sie seit Jahren hier\u00a0im Libanon leben, felsenfest davon \u00fcberzeugt\u00a0sind, dass sie eines Tages \u00c4rztin, Anwalt, Lehrerin,\u00a0Unternehmerin, Landwirt\u2026 werden k\u00f6nnen.\u00a0Und ich unterrichte hier Kinder, die jede Hoffnung\u00a0verloren haben, jemals wieder ein normales\u00a0Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Das zu verbinden ist\u00a0sehr schwierig. Meine besonderen Schwerpunkte\u00a0liegen beim Unterricht auf Mathematik und\u00a0Englisch und ich sage den Kindern jeden Tag,\u00a0dass es keine Rolle spielt, was sie sp\u00e4ter einmal\u00a0machen werden, dass sie diese beiden<br \/>\nDisziplinen in jedem Fall dringend brauchen\u00a0werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hilal Shabar ist der neue Lehrer in unserer Phoenix Zeltschule. Denn im M\u00e4rz 2018 hat unser engagierter und beliebter\u00a0Lehrer Bashar Oqla ein Visum f\u00fcr Kanada\u00a0bekommen. Doch er hat sich die Entscheidung, das\u00a0Phoenix-Camp zu verlassen, nicht leicht gemacht.\u00a0Mit vereinten Kr\u00e4ften haben wir ihn \u00fcberredet,\u00a0diese einmalige Chance f\u00fcr die Zukunft seiner\u00a0Kinder wahrzunehmen und haben ihn traurig aber\u00a0mit den besten W\u00fcnschen ziehen lassen. Nat\u00fcrlich\u00a0nicht bevor er mir nicht bei der Neubesetzung\u00a0seiner Stelle geholfen hat: Hilal Shabar ist der\u00a0neue Lehrer unserer Phoenixkinder und hat uns\u00a0alle sofort begeistert. In einem kleinen Interview\u00a0m\u00f6chten wir ihn vorstellen. &nbsp; Hilal, erz\u00e4hl uns bitte ein bisschen \u00fcber dich. Ich bin 31 Jahre alt und komme aus einem Vorort\u00a0von Damaskus, den es jetzt wohl nicht mehr gibt,\u00a0wenn man den Medienberichten glaubt, die seit\u00a0Monaten von Bombardierungen rund um Damaskus\u00a0berichten. Ich habe dort als Mathematik- und\u00a0Biologielehrer gearbeitet. Wann bist du geflohen? Ich bin 2012 mit meiner Familie \u00fcber die Grenze\u00a0in den Libanon. Wir haben in 6 verschiedenen\u00a0Camps gelebt. Ich habe versucht, Arbeit zu finden,\u00a0aber es war aussichtslos. In den Camps, in denen\u00a0es Kinderg\u00e4rten oder \u00e4hnliches von gro\u00dfen Organisationen\u00a0gibt, werden nur Libanesen angestellt. 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Als Herausforderung\u00a0generell sehe ich, dass der Gro\u00dfteil der syrischen Kinder gar keinen Zugang zu Bildung\u00a0hat, also wie sollen wir in einem befriedeten Syrien wieder zu einem Alltag finden, wenn der gr\u00f6\u00dfte\u00a0Teil der neuen Generation weder lesen noch\u00a0schreiben kann? Wie werden Wahlen durchgef\u00fchrt\u00a0werden, wie soll diese Generation Zugang zu\u00a0seri\u00f6sen politischen Informationen bekommen,\u00a0wenn sie keine Zeitung lesen kann? Und warum\u00a0macht das den westlichen Politikern offensichtlich\u00a0nicht so viel Angst wie mir? Was vermisst du am meisten von zuhause? Ich war nie ein besonders religi\u00f6ser Mensch, aber\u00a0schon als Kind war ich \u00fcberw\u00e4ltigt von der Sch\u00f6nheit der Umayyaden Moschee, in die mein Vater\u00a0mich immer mitgenommen hat. Manchmal, wenn\u00a0ich nachts wachliege, frage ich mich, ob ich sie je\u00a0wiedersehen werde. Was ist das wichtigste, was du den\u00a0Phoenix-Kindern beibringen m\u00f6chtest? Ich unterrichte hier Kinder, die trotz der katastrophalen\u00a0Umst\u00e4nde, unter denen sie seit Jahren hier\u00a0im Libanon leben, felsenfest davon \u00fcberzeugt\u00a0sind, dass sie eines Tages \u00c4rztin, Anwalt, Lehrerin,\u00a0Unternehmerin, Landwirt\u2026 werden k\u00f6nnen.\u00a0Und ich unterrichte hier Kinder, die jede Hoffnung\u00a0verloren haben, jemals wieder ein normales\u00a0Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Das zu verbinden ist\u00a0sehr schwierig. Meine besonderen Schwerpunkte\u00a0liegen beim Unterricht auf Mathematik und\u00a0Englisch und ich sage den Kindern jeden Tag,\u00a0dass es keine Rolle spielt, was sie sp\u00e4ter einmal\u00a0machen werden, dass sie diese beiden Disziplinen in jedem Fall dringend brauchen\u00a0werden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2417,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2386"}],"collection":[{"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2386"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2475,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2386\/revisions\/2475"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2417"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}