{"id":2240,"date":"2017-09-04T11:13:03","date_gmt":"2017-09-04T09:13:03","guid":{"rendered":"http:\/\/dev.phoenix-foundation.org\/?p=2240"},"modified":"2019-06-03T17:07:24","modified_gmt":"2019-06-03T15:07:24","slug":"interview-mit-baschar-oqla-leiter-unserer-phoenix-zeltschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/phoenix-foundation.org\/en\/2017\/09\/04\/interview-mit-baschar-oqla-leiter-unserer-phoenix-zeltschule\/","title":{"rendered":"Interview mit Baschar Oqla, Leiter unserer Phoenix Zeltschule"},"content":{"rendered":"<p>Baschar Oqla ist der Leiter unserer Phoenix-Zeltschule in der Bekaa-Ebene,\u00a0die wir im Juli dieses Jahres er\u00f6ffnet haben. Bereits 300 Kinder, die meisten von ihnen unterern\u00e4hrt, besuchen die Schule.\u00a0Viele der Jungen und M\u00e4dchen waren noch nie zuvor in einer Schule. Deshalb m\u00fcssen sie zuerst lesen und schreiben lernen &#8211; egal wie alt sie sind.<\/p>\n<p>Die Kinder werden insgesamt von f\u00fcnf Lehrern unterrichtet &#8211; Bashar ist der erste Lehrer,\u00a0der nicht im Camp der jeweiligen Schule wohnt. Da die Kinder in diesem Camp ganz besondere Bed\u00fcrfnisse haben, wurde er aufgrund seiner langj\u00e4hrigen Erfahrung extra gebeten in die Phoenix-Schule zu kommen.<\/p>\n<p>Der 43j\u00e4hrige ist 2012 mit seiner Familie aus Damaskus geflohen. Die Schule dort zu verlassen, an der er zehn Jahre unterrichtet hatte, die Sch\u00fcler, die ihm am Herzen lagen einer ungewissen Zukunft zu \u00fcberlassen, sei die schwerste Entscheidung seines Lebens gewesen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Nachdem Bashar im Libanon angekommen war, hat er bald angefangen auch hier an verschiedenen Zeltschulen zu unterrichten &#8211; unter anderem hat er die\u00a0<\/span>Alphabet-Zeltschule in Abdallah geleitet. Seine Sch\u00fcler lieben ihn hei\u00df und innig und er erzielt exzellente Ergebnisse mit ihnen.<\/p>\n<p>Nun ist die Er\u00f6ffnung der Phoenix-Schule fast 3 Monate her und es wird Zeit, Ihnen Baschar n\u00e4her vorzustellen, denn mit dem Engagement der Lehrer vor Ort steht und f\u00e4llt das Zeltschulen-Projekt.<\/p>\n<p>In einem Interview mit der Gr\u00fcnderin Jaqueline Flory erz\u00e4hlt Baschar, was die besonderen Herausforderungen und Erfolge in der Phoenix-Schule sind.<\/p>\n<div><\/div>\n<div><strong>JF:\u00a0Du hast viereinhalb Jahre in Abdallah unterrichtet, ehe du in die Phoenix-Schule gewechselt hast. Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung in der neuen Schule?<\/strong><\/div>\n<div>\n<p>Du wei\u00dft, dass jede Zeltschule eine schwierige Anfangsphase w\u00e4hrend der ersten 2-3 Monate hat. In dieser Zeit m\u00fcssen wir das Leistungs- und Kenntnisniveau jedes einzelnen Sch\u00fclers einsch\u00e4tzen, weil wir in unseren Zeltschulen die Aufteilung in Klassen nur bedingt vom Alter abh\u00e4ngig machen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen die unterschiedlichen Level der Kinder ber\u00fccksichtigen, manche Kinder waren noch nie in der Schule, manche seit Jahren nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Besonderheit im Phoenix-Camp ist, dass 95% der Kinder keinerlei schulische Vorkenntnisse haben, wir fangen auch bei den gr\u00f6\u00dferen ganz von vorne an. Sie sind auch mit dem schulischen Ablauf nicht vertraut, hatten \u00fcber Jahre einen vollkommen unstrukturierten Tagesablauf, auch Regeln und Pr\u00fcfungssituationen m\u00fcssen daher erlernt werden. Ihnen jetzt Struktur und Rahmenbedingungen f\u00fcr ihr Leben und Lernen zu geben, und sie gleichzeitig f\u00fcr Bildung zu begeistern, sie neugierig auf mehr zu machen, ist nat\u00fcrlich eine Herausforderung. Aber die Kinder sind mit Feuereifer dabei, begierig zu lernen, aus ihrer grauen Langeweile auszubrechen. Es ist eine Freude, sie zu unterrichten.<\/p>\n<p><strong>JF: Das Phoenix-Camp ist das \u00e4rmste und trostloseste gewesen, das ich je besucht habe. Inwieweit ist die mentale Situation der Familien hier eine Herausforderung?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist auch das \u00e4rmste Camp, das ich je gesehen habe. Die Isolation der Menschen hier ist sehr gro\u00df, ihnen wurde nicht nur noch nie geholfen, sie haben auch den Glauben verloren, dass ihnen Hilfe zu steht, dass es Hilfe \u00fcberhaupt gibt. Das ist eine schwierige Ausgangslage, aber es ist auch unglaublich r\u00fchrend, jeden Tag aufs neue zu sehen, wie begeistert die Kinder sind, dass die Schule tats\u00e4chlich noch hier steht, dass das alles kein Traum war, es gibt Bewegung, nach jahrelanger Stagnation. Die Eltern sind noch sehr skeptisch, haben schon zu viel verloren, um dem neuen Gl\u00fcck zu vertrauen, aber das wird mit der Zeit kommen, wenn sie sehen, dass wir langfristig hierbleiben, dass wir entschlossen sind, alles zu tun, um ihr Leben zu verbessern.<\/p>\n<p><strong>JF: Was ist das wichtigste, was wir hier von Deutschland aus tun k\u00f6nnen, um dich und deine Sch\u00fcler zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Dein Verein erm\u00f6glicht unsere Schulen hier erst, das allein ist unglaublich, dass Hilfe von so weit weg kommt. Nat\u00fcrlich muss es oberste Priorit\u00e4t haben, den Erhalt der Schulen langfristig zu sichern. Niemand wei\u00df, ob und wann eine R\u00fcckkehr nach Syrien m\u00f6glich sein wird. Dass die Kinder, die so lange auf eine Schule gewartet haben, sie nicht nach wenigen Monaten oder Jahren wieder verlieren, ist immens wichtig. Wir haben bereits dar\u00fcber gesprochen, dass das Interesse in Deutschland am Schul-Bau sehr viel gr\u00f6\u00dfer ist als am Schul-Erhalt und ich kann sehr gut verstehen, dass dir das Sorgen macht.<\/p>\n<p>Deswegen ist es meiner Meinung nach ebenso wichtig, dass du Bewusstsein schaffst f\u00fcr die schreckliche Situation, in der hunderttausende syrischer Kinder hier leben, hoffnungslos, perspektivlos, freudlos. Das Traurige ist, dass nur den Kindern, die lange Zeit ohne Schule waren, klar ist, wie sehr Schulen Leben ver\u00e4ndern. Wir m\u00fcssen den Menschen in Deutschland vermitteln, dass das Projekt Zeltschule nicht \u201cnur\u201d das Leben der Kinder hier ver\u00e4ndert, sondern dass wir hier aktive Friedensarbeit leisten, dass Kinder, die Zugang zu Bildung, B\u00fcchern, Spielzeug, Gl\u00fcck\u2026. haben, nicht zu Extremisten werden, das werden Kinder, die keinen Ausweg aus einer hoffnungslosen Situation sehen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Baschar Oqla ist der Leiter unserer Phoenix-Zeltschule in der Bekaa-Ebene,\u00a0die wir im Juli dieses Jahres er\u00f6ffnet haben. Bereits 300 Kinder, die meisten von ihnen unterern\u00e4hrt, besuchen die Schule.\u00a0Viele der Jungen und M\u00e4dchen waren noch nie zuvor in einer Schule. Deshalb m\u00fcssen sie zuerst lesen und schreiben lernen &#8211; egal wie alt sie sind. Die Kinder werden insgesamt von f\u00fcnf Lehrern unterrichtet &#8211; Bashar ist der erste Lehrer,\u00a0der nicht im Camp der jeweiligen Schule wohnt. Da die Kinder in diesem Camp ganz besondere Bed\u00fcrfnisse haben, wurde er aufgrund seiner langj\u00e4hrigen Erfahrung extra gebeten in die Phoenix-Schule zu kommen. Der 43j\u00e4hrige ist 2012 mit seiner Familie aus Damaskus geflohen. Die Schule dort zu verlassen, an der er zehn Jahre unterrichtet hatte, die Sch\u00fcler, die ihm am Herzen lagen einer ungewissen Zukunft zu \u00fcberlassen, sei die schwerste Entscheidung seines Lebens gewesen. Nachdem Bashar im Libanon angekommen war, hat er bald angefangen auch hier an verschiedenen Zeltschulen zu unterrichten &#8211; unter anderem hat er die\u00a0Alphabet-Zeltschule in Abdallah geleitet. Seine Sch\u00fcler lieben ihn hei\u00df und innig und er erzielt exzellente Ergebnisse mit ihnen. Nun ist die Er\u00f6ffnung der Phoenix-Schule fast 3 Monate her und es wird Zeit, Ihnen Baschar n\u00e4her vorzustellen, denn mit dem Engagement der Lehrer vor Ort steht und f\u00e4llt das Zeltschulen-Projekt. In einem Interview mit der Gr\u00fcnderin Jaqueline Flory erz\u00e4hlt Baschar, was die besonderen Herausforderungen und Erfolge in der Phoenix-Schule sind. JF:\u00a0Du hast viereinhalb Jahre in Abdallah unterrichtet, ehe du in die Phoenix-Schule gewechselt hast. Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung in der neuen Schule? Du wei\u00dft, dass jede Zeltschule eine schwierige Anfangsphase w\u00e4hrend der ersten 2-3 Monate hat. In dieser Zeit m\u00fcssen wir das Leistungs- und Kenntnisniveau jedes einzelnen Sch\u00fclers einsch\u00e4tzen, weil wir in unseren Zeltschulen die Aufteilung in Klassen nur bedingt vom Alter abh\u00e4ngig machen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen die unterschiedlichen Level der Kinder ber\u00fccksichtigen, manche Kinder waren noch nie in der Schule, manche seit Jahren nicht mehr. Die Besonderheit im Phoenix-Camp ist, dass 95% der Kinder keinerlei schulische Vorkenntnisse haben, wir fangen auch bei den gr\u00f6\u00dferen ganz von vorne an. Sie sind auch mit dem schulischen Ablauf nicht vertraut, hatten \u00fcber Jahre einen vollkommen unstrukturierten Tagesablauf, auch Regeln und Pr\u00fcfungssituationen m\u00fcssen daher erlernt werden. Ihnen jetzt Struktur und Rahmenbedingungen f\u00fcr ihr Leben und Lernen zu geben, und sie gleichzeitig f\u00fcr Bildung zu begeistern, sie neugierig auf mehr zu machen, ist nat\u00fcrlich eine Herausforderung. Aber die Kinder sind mit Feuereifer dabei, begierig zu lernen, aus ihrer grauen Langeweile auszubrechen. Es ist eine Freude, sie zu unterrichten. JF: Das Phoenix-Camp ist das \u00e4rmste und trostloseste gewesen, das ich je besucht habe. Inwieweit ist die mentale Situation der Familien hier eine Herausforderung? Es ist auch das \u00e4rmste Camp, das ich je gesehen habe. Die Isolation der Menschen hier ist sehr gro\u00df, ihnen wurde nicht nur noch nie geholfen, sie haben auch den Glauben verloren, dass ihnen Hilfe zu steht, dass es Hilfe \u00fcberhaupt gibt. Das ist eine schwierige Ausgangslage, aber es ist auch unglaublich r\u00fchrend, jeden Tag aufs neue zu sehen, wie begeistert die Kinder sind, dass die Schule tats\u00e4chlich noch hier steht, dass das alles kein Traum war, es gibt Bewegung, nach jahrelanger Stagnation. Die Eltern sind noch sehr skeptisch, haben schon zu viel verloren, um dem neuen Gl\u00fcck zu vertrauen, aber das wird mit der Zeit kommen, wenn sie sehen, dass wir langfristig hierbleiben, dass wir entschlossen sind, alles zu tun, um ihr Leben zu verbessern. JF: Was ist das wichtigste, was wir hier von Deutschland aus tun k\u00f6nnen, um dich und deine Sch\u00fcler zu unterst\u00fctzen? Dein Verein erm\u00f6glicht unsere Schulen hier erst, das allein ist unglaublich, dass Hilfe von so weit weg kommt. Nat\u00fcrlich muss es oberste Priorit\u00e4t haben, den Erhalt der Schulen langfristig zu sichern. Niemand wei\u00df, ob und wann eine R\u00fcckkehr nach Syrien m\u00f6glich sein wird. Dass die Kinder, die so lange auf eine Schule gewartet haben, sie nicht nach wenigen Monaten oder Jahren wieder verlieren, ist immens wichtig. Wir haben bereits dar\u00fcber gesprochen, dass das Interesse in Deutschland am Schul-Bau sehr viel gr\u00f6\u00dfer ist als am Schul-Erhalt und ich kann sehr gut verstehen, dass dir das Sorgen macht. Deswegen ist es meiner Meinung nach ebenso wichtig, dass du Bewusstsein schaffst f\u00fcr die schreckliche Situation, in der hunderttausende syrischer Kinder hier leben, hoffnungslos, perspektivlos, freudlos. Das Traurige ist, dass nur den Kindern, die lange Zeit ohne Schule waren, klar ist, wie sehr Schulen Leben ver\u00e4ndern. 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